Schweiz: Auf einer Haute Route durch Graubünden — 300km wandern in 20 Tagen

(Endlich fertig: Video von der Tour drüben bei Youtube!)

Nach langer, langer Planung wurde sie im Juli 2021 endlich Wirklichkeit: Meine Weitwanderung von der österreichisch-schweizerischen Grenze am Inn bis zum Lago Maggiore.

Meine “Haute Route Graubünden — durchs Engadin bis an den Lago Maggiore” bei Outdooractive.

So hatte ich die Tour geplant

Einsame Täler, idyllische Bergseen, felsige Pässe, tolle Panoramen: Diese Wanderung von Martina an der österreichischen Grenze durch Unter- und Ober-Engadin und weiter durchs Tessin erfordert viel Kondition, geht aber in der Schwierigkeit nicht über Bergwandern (T3–4) hinaus. Sie ist für die Übernachtung im Zelt konzipiert (doch, das ist meistens erlaubt), lässt sich aber auch als Hüttenwanderung machen. Vielen anderen Wanderern begegnet man hier nicht. Alle 3–5 Tage kommt man auch mal an einer Einkaufsmöglichkeit vorbei. So steht das Naturerlebnis im Mittelpunkt, aber auch die rätoromanische und die Walser-Kultur lassen sich in kleinen, idyllischen Dörfern erleben, am Ende erreicht man das italienischsprachige Gebiet der Schweiz. Die Tour führt quer über viele der großen Alpenpässe, vom Flüela- über Albula-, Julier- und Septimerpass. Hinter San Bernardino ist der Sentiero Alpino Calanca Teil der Route. Wer möchte, beendet die Tour auf einem Campingplatz am Lago Maggiore. Anreise mit dem Zug / Nachtzug aus Deutschland gut möglich.

Der Instagrammer @toni.teutoni hat sich die Route ausgedacht und mit mir geteilt, ich habe sie dann noch auf meine Bedürfnisse angepasst. Meine Vorstellungen: Ich bin gerne in der Natur mit mir alleine und mag deshalb keine überlaufenen Gegenden. Ich möchte weite Strecken gehen und dabei möglichst autark mit dem Zelt unterwegs sein, also braucht man auch Einkaufsmöglichkeiten. Und ich habe ein gewisses Sicherheitsbedürfnis, so dass ich nicht ins Klettern kommen möchte oder allzu ausgesetzte Passagen alleine begehen.

Die Route der “Haute Route Graubünden 2021” #hrgr2021, wie ich sie am Tag der Abreise geplant hatte, habe ich auf der sehr guten offiziellen Schweizer Wanderkarte Schweizmobil veröffentlicht, meine wirklich gegangene Route mit allen Änderungen drüben bei Outdooractive, vergleicht das gerne miteinander. Warum die vielen kleinen Änderungen?

So ist die Wanderung gelaufen

Im Juni wurde noch überall gewarnt, dass sehr viel Restschnee in den Schweizer Alpen liegt. Und der Unfall von “Caro hat Wanderlust” auf ihrer Via Alpina machte mir auch Sorgen, sie ist gestürzt und hat sich beim Alleinewandern schwer verletzt. Ich fuhr also nicht ganz so entspannt in die Schweiz, wie ich die Jahre zuvor meine Wanderungen angegangen war. Und vielleicht war auch gerade in Zeiten von Pandemie und Home-Office meine Sehnsucht, allein zu sein, gar nicht so groß?

Jedenfalls habe ich vom ersten Tag an skeptisch die Karten gewälzt, den Wetterbericht gescannt und die Etappen immer wieder umgebaut — zum Glück ist es dort häufig möglich, statt über den Pass ein anderes Tal hinaufzugehen oder statt im Zelt in einer Hütte oder im Hotel zu schlafen. Ich hatte vor allem in der Mitte der Wanderung viele Tage, wo alles hervorragend lief, die Landschaft mich begeisterte und ich an unglaublich idyllischen Orten im Zelt übernachten konnte. Und dennoch: Am Anfang kamen mir die Etappen oft zu lang und zu anstrengend vor, so dass ich mich an einigen Tagen 8 oder 10 Stunden mit 15kg auf dem Rücken Blockfelder auf Pässe hochquälte, weil ich da halt noch drüber musste. Und in der letzten Woche musste ich ständig mit Gewittern und Regenschauern rechnen, so dass ich einzelne Etappen verkürzt oder umgelegt habe. Eigentlich sollte der Sentiero Alpino Calanca ein letzter Höhepunkt der Tour werden, doch als ich dann den steilen Weg am Berghang gegenüber sah, der sich zwei weitere Tage durch die nasse Bergeinsamkeit winden sollte, entschied ich mich für den Talweg durchs Val Calanca. Ich fühlte mich überfordert. Bei besserem Wetter hätte ich den Weg vielleicht angegangen. So aber querte ich noch einen Bergrücken, und als ich dann — wieder durchnässt — nach Claro bei Bellinzona herunterkam, strich ich auch die letzte zweitägige Berg-Überquerung und fuhr direkt zum Ziel der Reise. Ein Campingplatz am Lago Maggiore. Richtige Entscheidung. Dort konnte ich dann noch ganz bequem mit Seilbahn-Hilfe den bekannten Tessiner Höhenweg vom Monte Tamaro zum Monte Lema machen — bei bestem Wetter, tollem Panorama und auch innerlich ganz entspannt. Endlich, nach dieser kräftezehrenden (und zugleich -aufbauenden) Tour!

Im Rückblick bin ich stolz, das alles so geschafft zu haben, ich habe viel Vertrauen in meinen Körper gewonnen. Die vielen Täler und Hänge mit den kleinen Pfaden, die Pässe und die tollen Ausblicke haben mich begeistert, auch wenn ich meine Aufmerksamkeit diesmal vor allem abends drauf lenken konnte, wenn ich mich endlich ausruhen konnte. Vielleicht wird es mir erst mit der Zeit bewusst, was für ein Glück ich hatte, dass ich all diese tollen Landschaften nicht nur sehen, sondern erleben durfte. Oder sage ich besser: mir erarbeiten musste? Eine Art aktuelles Tourtagebuch mit Bildern habe ich bei Instagram unter dem Hashtag #hrgr2021 geführt.

Eine solch weite Wanderung ist für mich eine Zeit des reinsten Lebens, alles geht mir nah, alles ist so intensiv: Erschöpfung, Sorgen, Anstrengung, Essen, Genuss, Fernblicke, Einsamkeit, Entspannung, Kraft, Schlaf — die Essenz eines Lebens in der Natur. Ob das Wetter gut war oder schlecht, das ist dann im Rückblick gar nicht mehr wichtig.

Ob ich die Tour empfehlen würde? Im Ganzen vielleicht nur speziellen Charakteren, die eine Herausforderung suchen. Oder in besseren Jahren, oder im wetterstabilen August. Genusswanderer können sich aber bedenkenlos einzelne Abschnitte heraussuchen und vielleicht nur eine Woche gehen — Graubünden ist für mich eine wunderbare Wandergegend, nicht überlaufen, kulturell anregend, landschaftlich atemberaubend, mit vielen Möglichkeiten. Wenn Ihr Euch meine Detaibeschreibung durchlest, bekommt ihr vielleicht einen Eindruck davon, wie Ihr mit einer guten Karte aus einer solchen Tour eine eigene Wanderung zusammenstellen könnt, die Euch sicher begeistern wird!

Die Tagesetappen

Tag 1: Gleich mal alles anders als geplant!

Anreise mit dem Nachtzug von Hamburg, doch ich bin mir unsicher, ob ich gleich am ersten Tag — geplant war der Start um 12:30 Uhr — durchs einsame Val Sampuoir von Spiss hinauf übers Rossbodenjoch und den 3.296m hohen Muttler gehen soll. Wenn da nun zu viel Schnee liegt? Schaffe ich die Strecke in nur einem halben Tag? Als mein Zug auch noch eine ganze Stunde Verspätung hat, plane ich um: Ich gehe von Martina im Inntal nach Tschlin, ins Val Sinestra und nach Zuort. Beim Blick hinauf zum Muttler, nun von hinten, meine ich am Pass eine hohe Schneeverwehung zu erkennen. Erste Hürde umgangen! Und ich habe entdeckt: im Notfall wäre auch die Via Engiadina, die stets an der Flanke des “En”-Tals (=Inn, daher “Engadin”) entlangführt, eine einfache und schöne Alternative.
Martina cunfin, Tschlin, Val Sinestra, oberhalb Zuort, 1.800m (Zelt) — Tagesstrecke: 16,7 km

Tag 2: (Nicht ganz) Entspanntes Einwandern.

Der erste Pass, der 2.609m hohe Fimberpass, stellt sich als gut zu gehen heraus. Und auf der Heidelberger Hütte kann ich mittags mein Erweckungserlebnis wiederholen: Schon vor rund 30 Jahren habe ich hier einen fantastisch guten Kaiserschmarrn gegessen. Ich werde nicht enttäuscht. Allerdings liegt der ganz schön schwer im Magen! Ähnlich belastet mich die Aussicht auf die 2.807m hohe Fuorcla da Tasna, die ich demnächst zu überwinden habe. Als ich am Nachmittag die zahlreichen Schneefelder oben auf dem Berg sehe, schlage ich lieber noch vor dem letzten Anstieg mein Zelt auf.

Fimberpass (2.609m), Heidelberger Hütte, Val Fenga vor Foppa Trida auf 2.450m (Zelt) — Gesamt-KM 30 = 13,3 km

Tag 3: Der fast schon erwartete Sturz

Die Fuorcla ist dann kein Problem, doch wo sich der Bach aus dem Lai da Fasch’Alba ins Urschai-Tal stürzt, ist es eng und steil, wovon ich schon auf hikr.org gelesen hatte. Trotz aller Vorsicht, fast wie ich es befürchtet habe, rutsche ich ab und schürfe mir das Bein auf. Zum Glück bin ich auf dem steilen und felsdurchsetzten Grashang überm Bach nicht weiter abgerutscht! Der verflixte dritte Tag … Ich bin vor allem böse auf mich selbst. Nachdem ich mich verarztet habe, nehme ich all meine Kraft zusammen und laufe noch den ganzen Weg durchs Val Urschai und das Val Tasna, nach Ardez und an der Talflanke, dann in überraschender Sommerhitze, auf einem Sträßchen weiter bis nach Guarda. Eigentlich wollte ich zuvor sogar noch über die Furcletta ins nächste Val Tuoi und dann hinunter nach Guarda, doch das war natürlich bei Weitem zuviel. Fest geplant hatte ich allerdings die Übernachtung im schönen Hotel Meissner Lodge in Guarda — duschen, fein essen und EM-Finale vom Bett aus gucken! Ein versöhnlicher Abschluss.

Fuorcla da Tasna (2.807m), Lai da Fasch’Alba, Val Urschai, Val Tasna, Ardez, Guarda (Einkaufen, Hotel) — KM 50,5 = 20,5 km

Tag 4: Und wieder eine Kraftprobe

Gut erholt starte ich mit einem Spaziergang durch das Bilderbuch-Dorf Guarda, dann weiter hoch überm Inntal mit Sonnenschein und Panoramablick auf die Bernina-Gruppe hinauf ins Val Lavinuoz, wo’s dann mit Blick auf Verstanclahorn und Piz Buin einsamer wird. Und anstrengend: Der Weg vom oberen Talgrund hinauf auf die Fuorcla Zadrell (2.751m) führt durch ein nicht enden wollendes, grobes Blocksteinfeld, wo das Gehen mühsam ist und der (plötzlich viel zu schwere) Rucksack nach unten zieht. In der Höhe geht’s dann immer öfter über Schneefelder, und kurz vorm Grat muss man sogar ein wenig kraxeln. Ich habe Sorge, wie’s auf der anderen Seite aussehen würde und wie ich wieder runterkommen sollte, doch dort lassen sich die Schneefelder gut begehen und der Abstieg geht schnell. Trotzdem: Es war ein über 10-stündiger Kraftmarsch, ich komme mir sehr langsam vor. Sobald ich im obersten Talgrund bin, baue ich mein Zelt am Ufer des Chessisees auf, der nicht lieblich, sondern noch etwas rauh und kahl im Tal liegt. Und tue dann nichts mehr.

Val Lavinuoz, Fuorcla Zadrell (2.751m), Chessisee im Val Vernela auf 2.360m (Zelt) — KM 65 = 14,5 km

Exkurs: Schneefelder — Lange habe ich gegrübelt, wie ich am sichersten über die Schneereste vom Winter kommen würde. Hintergrund: Vor zwei Jahren im Wallis bin ich abgerutscht und nach 20 m ziemlich unsanft in einem Geröllfeld gelandet. Damals hatte ich Microspikes über den Schuh gezogen, doch die setzten sich im feuchten, schweren, manchmal verkrusteten Schnee zu und boten keinen Halt. Richtige Grödel mit z.B. 6 großen Zacken wiegen 500 Gramm, die will man auch nicht mitschleppen und dann extra für ein 20 m breites Schneefeld anziehen, hinter dem es wieder auf Fels weitergeht. Es ist ja nur ein winzig kleiner Teil der Schneefelder, der ein Problem darstellt, normalerweise geht man auf ihnen ja leichter als zum Beispiel auf Felsblöcken. Unwohl ist mir, wenn es zu steil bergab geht und ein Ausrutschen schlimme Folgen hätte. Die Lösung war hier: Gutes Schuhwerk, um Trittstufen schaben zu können, Geduld, Sicherung mit Stöcken. Einen von beiden nutzte ich ohne Teller, um ihn beim Abrutschen wie einen Eispickel zum Bremsen tief in den Schnee rammen zu können. Am Ende war der meiste Schnee harmlos und auch an einigen wenigen steilen Stellen mit etwas Vorsicht gut zu begehen. An allen Stellen kurz unterm Pass, wo’s besonders steil war, konnte ich auch auf Fels vorsichtig drumherum klettern.

Tag 5: Im Gewitter über die Furche

Abstieg im Vernela-Tal durch imposant heraufziehende Wolkenberge, dann ein kraftspendendes zweites Frühstück mit Bündner Nusstorte und Capuccino im Vereina Berghaus. Nun wartet wieder eine Herausforderung: Im einsetzenden Regen steige ich auf zu den sonst als sehr idyllisch geltenden Jöriseen — die mich nun mit Schneefeldern, Blitz und Donner begrüßen. Kurz zweifle ich, ob ich bei dem Wetter wirklich noch über die Fuorcla gehen soll, doch eine Umkehr würde die Sache auch nicht besser machen. Also zügig in nassen Klamotten hinauf zum Pass und schnell auf der anderen Seite im Sturm hinunter. Wo ich eigentlich zelten wollte, weht es mich fast um — das wird nichts. Kurzer Anruf: Das Hospiz am Flüelapass, das ich zu Fuß erreichen könnte, ist ausgebucht. Zum Glück überholt mich eine sportliche Familie auf Tagestour, die mich im Auto hinunter nach Davos mitnimmt. Also eine überraschende Übernachtung im Hotel von der Stange mit feistem Imbiss im “Davos Kebab”.

Berghaus Vereina, Jörital, Jöriseen, Jöriflüelafurgga (2.722m), Wägerhütta an der Passtsraße, per Autostop nach Davos (Einkaufen, Hotel) — KM 80,2 = 15,2 km

Tag 6: Plötzlich im frischen Schnee

Einer der großartigen Schweizer Postbusse bringt mich morgens gleich wieder hinauf zum Flüelapass. Man könnte von hier auch über die Fuorcla Radönt gehen und damit noch einen weiteren “Haute-Route-würdigen” Pass einbauen. Doch mir ist bei diesem Wetter das wolkenverhangene Val Grialetsch schon spektakulär genug. Ich gehe zügig hinüber in den oberen Dürrboden und hinauf auf den historischen “Scalettapass” — wo sich der Regen dann unvermittelt in Schnee verwandelt. Zum Glück handelt es sich um einen echten “Pass” und keine “Fuorcla”, so dass der breitere Weg noch gut zu erkennen bleibt; hier gibt es auch einige Spuren von anderen Wanderern und Mountainbikern. Keine Gefahr, ich bin entspannt. Dennoch verleidet mir der Schnee anschließend den wunderschönen Höhenweg, der sich dann auf 2.500m an der Flanke des Val Funtauna hinzieht — ich geh lieber ins schneefreie Tal hinab und dort unten weiter zur Keschhütte. Ein langer Tag, der aber am Ende doch zu einer genussreichen, schönen Wanderung wird. Ich beschließe, den angekündigten nächsten Regentag mit Nichtstun (und Sachen trocknen) auf der Keschhütte zu verbringen. Ich brauch mal eine Pause.

Ab Bushaltestelle Susch Chantsura hinter der Passhöhe (KM 84,2) ins Val Grialetsch, Fuorcla da Grialetsch (2.536m), Oberer Dürrboden, Scalettapass (2.605m), Val Funtauna, Val dal Tschüvel, Keschhütte (Hütte) — KM 102,8 = 18,6 km

Tag 7: Pausentag auf der Keschhütte

Ich bin ja eigentlich ein Hüttenmuffel, weil ich keine “Hüttengaudi” und neben mir im Lager schlafende und schnarchende fremde Menschen mag, doch hier hatte ich ein 12-Betten-Lager mit Panoramablick für mich allein. Lesen, essen, schlafen, alles im Trocknen, vielleicht ein kleiner Spaziergang — was gibt es Besseres?

Tag 8: Es läuft… — also, ich laufe. Gut.

Endlich geht es weiter: Voller Kraft und guter Laune stapfe ich hinab ins Val Plazbi und dann seitlich steil hinauf zur hohen Fuorcla Pischa. Hier sind wieder die Blockfels- und Schneefelder, die ich aber inzwischen sicher beherrsche. Geröllfelder, steile Hänge, eindrucksvolle Gipfel darüber, und ich marschiere hindurch und komme zügig weiter. Ich bin im Weitwandermodus angekommen: Wenig Pausen, schneller Schritt, aber doch aufmerksam für die grandiose Landschaft. Die Kondition ist auch da. Nach der Fuorcla ein weites Hochtal, ich quere nach rechts höhengleich hinüber zum Albulapass, von wo mich ein Rufbus hinab zum Supermarkt in La Punt-Chamues-ch bringt. Ich kaufe Lebensmittel (für die Tour und leckere schwere Sachen wie Joghurt und Obst, die ich sofort wegesse…) und übernachte in meinem geliebten Mini-Zelt zwischen riesigen SUVs und Wohnzelten auf dem örtlichen Campingplatz von Madulain.

Fuorcla da Funtauna, Alp digl Chants, Val Plazbi, Fuorcla Pischa (2.867m), Fuorcla Gualdauna, Albulapass Bushaltestelle La Punt Parkplatz Es-cha, per Rufbus zum Campingplatz Madulain (Einkaufen, Zelt) — KM 119,6 = 16,8 km

Tag 9: Fantastische Landschaft in Wolken

Morgens bringt mich der Bus wieder auf die Albula-Passhöhe, doch die verbirgt sich trist in den Wolken — es regnet. Ich beschließe, erst nochmal im Albula-Hospiz zu frühstücken, aber der Capucchino bleibt mir verwehrt, denn das Haus ist geschlossen. Also Regenklamotten an und los. Puh. An den idyllischen Lais digl Crap Alv erzeugen die Wolken eine dramatische Stimmung. Und hinter der Fuorcla reißen sie auf und geben einen großartigen Panoramablick übers Val Beverin frei. Nach einem sehr steilen Abstieg gehe ich dann den Rest des Tages dieses ursprüngliche Tal hinauf, bis kurz vor dem letzten Anstieg zur Chamanna (=Hütte) Jenatsch. Ich spare mir eine Hüttenübernachtung und schlage schon hier das Zelt auf. Das alles ist schon bis 14 Uhr erledigt und ich vertrödele den Rest des Tages.

Per Bus zur Passhöhe Albula Hospiz, Lais digl Crap Alv, Fuorcla Crap Alv (2.465m), Val Beverin bis kurz vor letztem Anstieg zur Chamanna Jenatsch 2.300m (Zelt) — KM 135,5 = 15,9 km

Tag 10: Der höchste Punkt der Tour

Hinter der Chamanna Jenatsch geht es hinauf in ein ödes, weites Hochtal mit einem türkisblau strahlenden Gletschersee, umgeben von rostfarbenem Geröll, weiten Schneeflächen und in den Wolken verborgenen Gipfeln. Ich werde aufgeholt von zwei Französisch-Schweizern, die 30 Tage unterwegs sein wollen. Sie spuren vor mir durch den Schnee und geben mir zusätzliche Sicherheit für den höchsten Pass auf der Route, die Fuorcla d’Agnel. Dahinter geht es lang hinab durch ein weites, mal in Wolken verhülltes, mal freigewehtes Felstal bis zum Julierpass. Bergabgehen ist auch nicht schlecht! Im Hospiz am Pass verschlinge ich zwischen Auto- und Motorrad-Touristen eine große Portion Berner Rösti. Dann schleppe ich mich noch hinauf zum Leg Grevasalvas, wo ich hinter ein paar Hügeln einen dramatisch schönen Zeltplatz mit Blick auf die Passtraße finde, die sich 400 Höhenmeter unter mir den Berg hochwindet.

Chamanna Jenatsch, Fuorcla d’Agnel (2.982m), Val d’Agnel, Hospiz Julierpass, Leg Grevasalvas 2.390m (Zelt) — KM 148,8 = 13,3 km

Tag 11: Plötzlich Sommer — Abstecher auf einen Gipfel

Hinter dem nächsten Grat wartet der Blick über den Silsersee und Maloja im Oberengadin auf mich. Ich steige in dichte Wolken gehüllt auf — und oben öffnet sich tatsächlich ein wolkenloses Sommerpanorama vor mir! Wie leicht sich plötzlich alles anfühlt! Nach langer Pause zum Ausgucken steige ich ab, um bald meinen Rucksack abzulegen und einen Abstecher auf den felsigen Piz Grevasalvas zu wagen, ein Fast-Dreitausender mit besonderer Rundumsicht. Die Kletterei ist steil und kostet mich hinauf und wieder hinunter drei Stunden, aber das ist es wert! Am Nachmittag dann führt der Weg oben an der Talkante des obersten Engadin entlang, mit einem so atemberaubendem Blick hinab auf den Malojapass und die Berge gegenüber, dass ich überzeugt bin, gerade den schönsten Weg der Welt zu gehen. Ich lasse mich sogar von einem netten älteren Wanderer-Paar zu einem Foto VON MIR überreden. Noch später dann der Pass Lunghin, die zentrale Dreifach-Wasserscheide Europas zwischen Donau/Schwarzem Meer, Po/Mittelmeer und Rhein/Nordsee. Und dann noch hinab zum Septimerpass, der nicht über eine moderne Straße erschlossen und daher sehr ruhig ist, so dass ich hier mein Zelt in “nur” 2.300m aufstellen kann. Was mein etwas älterer 0°-Schlafsack noch ohne Probleme mitmacht, denn in höheren Lagen war es schon mal so frostig, dass ich die Daunenjacke noch dazu anziehen musste.

Fuorcla Grevasalvas (2.687m), Plaun Grand, Abstecher Gipfel Piz Grevasalvas (2.931m), Pass Lunghin, Septimerpass 2.300m (Zelt) — KM 164,2 = 15,4 km

Tag 12: Durchs Avers, ein besonderes Tal

Die Forcellina ist auch wieder recht steil zu gehen, doch im morgendlichen Sonnenschein fällt alles so leicht! Von oben blicke ich die ganze Länge des kahlen Avers hinab, eines von den Walsern besiedelten Tals mit der höchstgelegenen dauerbewohnten Siedlung in den Alpen: Juf. Den ganzen Tag geht es hier hinunter, durch die Dörfer und auf Feldwegen parallel zur Straße entlang, erstmals seit langem sehe ich wieder eine nennenswerte Zahl von Touristen mit Autos. Es ist sehr heiß. In Cresta kann ich endlich mal wieder etwas im Dorfladen einkaufen. Von hier aus könnte ich nun sehr steil hinauf zum Piz Platta und durch die Tällifurgga auf 2.815m klettern und dann weiter über die Fuorcla Curtegns richtig durchs Gebirge — aber es ist einfach zu heiß. Neue Planänderung! Lieber weiter im Tal, am Ende noch etwas weniger mühsam über Almwiesen den Berg hinauf, bis ich von 2.500m Höhe den ganzen Blick zurück genießen kann; erst nach längerer Suche finde ich dort eine Fläche, die eben genug für mein kleines Zelt ist. Im Sonnenuntergang entdecke ich eine Wiese, die ganz und gar mit Edelweiss übersät ist.

Forcellina (2.671m), Juferalpa, Juf, Juppa, Pürt, Cresta (Avers) (Einkaufen), Plattner Alpa nahe Cucalner Guggernüll 2.530m (Zelt) — KM 182,8 = 18,6 km

Tag 13: Bergiger Umweg

Ich könnte nun einfach das Avers im Tal weiter nach Ausserferrera hinuntergehen und schnell hinter mich bringen, aber es gibt einen verlockenden Umweg “hintenrum” über zwei Pässe — quasi der zweite Tag der Strecke, die ich gestern gestrichen habe. Klingt gut, die Sonne scheint, also gehe ich vom “Cucalner Guggernüll” hinab ins Val Starlera, dort bis nach hinten hinauf, steil auf die Fuorcla und dann einen atemberaubenden, schieferigen Grat oben auf 2.700m wieder zurück. Dann rechts hinunter und über Schmorras um den Piz Grisch herum. Ich treffe genau ein Wandererpaar, ansonsten genieße ich alleine das Panorama. Am Pass ist unglaublich helles, klares, frisches Licht. Kurz darunter liegt ein See, ich nehme mir die Zeit für ein erfrischendes Bad. Dann geht’s steil durch Almwiesen hinunter. Ich bin müde und suche einen Zeltplatz, doch ich komme schnell auf unter 2.000m, alles sehr warm, eng und felsig, immer wieder Almhütten, kein guter Platz.

Innen: Mein Zelt.

Trotzdem, mir reicht’s, dann stelle ich mein Zelt halt auf eine offene Wiese, was sich als doof herausstellt: Plötzlich springt ein sehr erregter junger Almbauer um mich herum und will mich wegscheuchen. Ja, er hat ja recht, so gut stehe ich hier nicht, ich verstecke mich ja auch gern (auch wenn ich recht sicher bin, dass es da nicht verboten sein dürfte). Kompromiss, als wir uns beruhigt haben: Ich darf IM Zelt IN seiner Hütte schlafen, damit mich keiner draußen zelten sieht und das womöglich nachmachen möchte. Im Zelt, weil es da ziemlich verranzt drinnen ist. Und ich gebe die Bitte gerne weiter: Zeltet nicht in der Nähe von Almen, und wenn, dann postet das nicht im Internet, sonst kommen die Leute mit ihren Schwimmeinhörnern und zelten da auch alle.

Eine ungewöhnliche Übernachtung, aber ok. In der Abenddämmerung sehe ich zu, wie sich ein Gewitter auftürmt und wieder verweht.

Alp Starlera, Fuorcla Starlera, Grat nahe Punkt 2.752m, Saletscha, Pass da Schmorras (2.563m), Planets (Zelt) — KM 196,8 = 14 km

Tag 14: Im Rheinwald

Wieder einmal unterschätze ich den Tag. Dass es erst von 2.000m auf 1.300m nach Ausserferrera hinab und gleich wieder auf 2.000 hinauf geht, darauf war ich vorbereitet. Aber dann geht es den Rest des Tages recht hoch oben durch die Hänge des Rheinwalds: Über Wurzeln hinüber, Felsen hinab, unter Bäumen hindurch, steile grasüberwucherte Pfade hinauf, immer weiter, immer anstrengend. Auf der Karte höhengleich, auf kleiner Fläche aber ständig rauf und runter. Trotzdem ist der Wald wunderschön, und zwischen den Bäumen geht der Blick auf die Roflaschlucht, den türkisenen Sufnersee und Splügen. Am Nachmittag lichtet sich der Wald endlich und ich erreiche den oberen Surettasee auf 2.266m. Weil Freitag ist, rechne ich mit ein paar anderen Wanderern und etwas Trubel auf der Hütte am Seeufer, doch die ist geschlossen und niemand da. So kann ich sogar den Vorgarten der Hütte mit Tisch und Badestelle fürs Zelten nutzen, und die Mauern würden mich auch vorm drohenden Gewitter schützen. Aber auch diesmal löst es sich auf, und ich genieße einen stillen Abend am See und am Aussichtspunkt übers Rheintal, durch das sich in der Tiefe die vom San-Bernardino-Tunnel kommende Autobahn zieht.

Ausserferrera, Alp Nursera, Rosschopf, Oberer Surettasee Seehütte 2.268m (Zelt) — KM 212,5 = 15,7 km

Tag 15: Vom Splügenpass ins einsame Val Curciusa

Ein wunderbarer, sonniger Morgen! Frühstück am See, dann hinunter zur Splügenpass-Straße, wo ich auf der Terrasse einer Bar ein zweites Frühstück bekomme. Dort entscheide ich mich, nicht einen geraden Wirtschaftsweg durchs Skigebiet hinüber zur Tamboalp zu nehmen, sondern erst auf der Via Spluga den historischen Passweg hinauf zum Berghaus am Pass zu gehen. Ist zwar nahe der Straße, aber kulturell interessanter. Streckenweise geht man auf dem alten Pflaster von vor hunderten Jahren. So komme ich zum wunderschönen Berghaus Splügenpass, an dem die Autos und Motorräder alle vorbeifahren. Draußen auf der Terasse bekomme ich als einziger Gast schon um 11 Uhr vormittags einen großen, frischen Salat mit Ziegenkäse serviert (ich muss auf meinen Vitaminhaushalt achten!). Dann geht’s hinüber zur Tamboalp und ein einsames Tal hinauf zum Areuapass. Oben am Grat geht’s schwindelerregend hinab, und ich muss erst eine Weile suchen, bis ich den richtigen Abstieg finde (und wage). Nun komme ich ins ursprüngliche Val Curciusa, in dem es weder einen Fahrweg noch Wasserbewirtschaftung gibt — ein Staudammprojekt konnte Ende der Neunziger verhindert werden. Der Areuabach ist völlig unreguliert, und an seinem Ufer weidet eine Herde halbwilder Pferde. Im unteren Tal gibt es noch zwei Almen, hinter der Felsbarrikade zum Val Alta nur eine kleine Ruine, zwischen deren Mauern ich das Zelt mit Blick auf das weite Bachtal und den dahinter aufragenden Piz Bianch aufstelle.

Splügen Bodmastafel, Via Spluga zum Berghaus Splügen, Tamboalp, Areuapass (2.508m), Val Curciusa, Pass de Curciusa Alta 2.090m (Zelt) — KM 230,7 = 18,2 km

Tag 16: San Bernardino im Regen

Im ersten Sonnenschein gehe ich das Val Alta Curciusa hinauf, erst unten am Bach, dann eine steile Schwelle hinauf, über grobe Felsblöcke zur höchsten Stelle, einer feuchten Ebene, der Bocchetta. Dahinter liegt ein tiefer Abstieg ins Misox-Tal mit den Bettenburgen von San Bernardino. Ich genieße den Ausblick, bis von unten dicke Wolken heraufziehen, die Nieselregen mitbringen. Die Meteoswiss-App — ich habe endlich wieder einmal Netz — meldet mehr Regen, so dass ich lieber zügig aufbreche. Der schmale Pfad zieht sich noch lange rechts den steilen Hang entlang, mühsam und durch dichte, feuchte Wolken hindurch, bevor ich endlich im Dorf ankomme und mir in der Touristeninfo ein Hotel empfehlen lasse. Trotz der riesigen Bettenburgen gibt es nur zwei Möglichkeiten, denn im Sommer hat hier fast alles zu. Kaum betrete ich das Hotel “Brocco e Posta”, strömt draußen der Regen los. Den Rest des Tages verdöse ich im Zimmer, kaufe ein und esse Polenta mit Käse in der recht netten Dorfkneipe. Und überlege, wie es weitergehen soll.

Mittags wegen Regens abgebrochen: Bocchetta de Curciusa (2.418m), San Bernardino (1.608m), (Einkaufen, Hotel) — KM 239,4 = 8,7 km

Tag 17: Alleine im Rifugio Pian Grand

Erstmal in aller Ruhe frühstücken, dann Routenplanung: Ab dem späten Vormittag soll es eine mehrstündige Regenlücke geben, also kürze ich die Etappe ab: Ursprünglich wollte ich noch hoch zum San-Bernardino-Pass im Norden, bevor ich dann in der Höhe wieder südwärts zum Beginn des Sentiero Alpino Calanca gehen wollte. Den Schlenker streiche ich, und statt einer Zeltübernachtung melde ich mich für eine Nacht im Rifugio Pian Grand an. Dafür muss man in der Capanna Buffalora anrufen, der einzigen bewirteten Hütte auf dem Sentiero, und die Wirtin erzählt mir, dass alle anderen Wanderer ihre Buchungen auf der Hütte gecancelt haben. Ich bekomme Bedenken wegen des Sentiero, muss mich aber noch nicht entscheiden, da ich nach dem Rifugio auch direkt ins nächste Tal absteigen könnte. Also los! Der Regen macht Pause, und ich stapfe erst tief im Tal am Lago d’Isola vorbei und dann im Wald hinauf, über ein paar Alpen und am Ende durch den Felszirkus unterm Piz Pian Grand zu den zwei dreieckigen Hütten des Rifugios. Es ist sehr, sehr gemütlich dort. Ich richte mich ein, koche mir etwas und gehe immer wieder vor die Tür, um zuzusehen, wie die Wolken das Misox hinaufziehen und ganz fern unten im Tal den Blick auf die Gallerien der Autobahn verhüllen und wieder freigeben. In der Dämmerung wird es sehr dunkel und still, ich zünde mir eine Kerze an und trinke Kaffee. Später prasselt der Regen aufs Dach.

Abgekürzt wegen Regens: Lago d’Isola, Alp d’Arbeola, Rifugio Pian Grand (Rifugio) — KM 247,1 = 7,7 km

Tag 18: Durchs romantische Val Calanca

Heute muss ich entscheiden, wie’s weitergeht. Vom Rifugio steige ich zuerst durch grobe Felsen steil hinauf zum Pass Richtung Alp de Trescolmen. Oben blicke ich auf eine eindrucksvolle Fels-Arena mit der düsteren Flanke des Piz de Trescolmen links, unten dem hübschen See und gegenüber der langen Seite des Piz del Largè, über die sich der eigentliche Beginn des Sentiero Calanca hinzieht. Der Pfad sieht sehr steil aus, und es ist nur der Beginn des zwei bis drei Tage dauernden, hochalpinen Sentiero. Das ist mir bei diesem Wetter zu anstrengend, und ich fühle mich auch nicht sicher genug, den Weg allein zu begehen. Also: Abstieg ins Val Calanca! Das Val Largè, das ich nun hinuntergehe, ist auch schon steil genug, oft durch glitschige Wiesen, durch Waldstücke und quer über den reißenden Bach. Als ich endlich den kleinen Ort Valbella unter mir sehe, bin ich froh, zurück in die Zivilisation zu kommen. Auf einem Sträßchen geht’s bis nach Rossa, wo ich mir ein Zimmer im Albergo Valbella reserviert habe. Es ist so italienisch hier! Oma schmeißt den Laden und steht in der Küche, Opa am Thresen und die schlechtgelaunte Enkelin muss bedienen. Im Flur zu den Zimmern ist alles vollgestellt mit Puppen und Teddybären.

Pass Ovest dell’Alta Burasca (2.514m), Alp de Trescolmen, Val Largè, Valbella, Rossa (Hotel) — KM 257,8 = 10,7 km

Tag 19: Noch einmal übern Berg

Nach dem Frühstück und dem Packen sitze ich noch eine Weile mutlos in der Gaststube und schaue in den Regen. Aber hilft ja nix. Als es weniger wird, gehe ich los und laufe durchs wolkenverhangene Val Calanca bis nach Selma, wo mich die kommunale Seilbahn ins Dorf Landarenca hinaufträgt. So spare ich ein paar hundert Höhenmeter. An der Bergstation muss ich mir noch einmal den Anstoß geben, loszugehen, denn der stundenlange nasse Anstieg über die Alpen bis zum Passo di Mem, der mich erwartet, verlockt mich nicht gerade. Doch das Gehen macht dann Spaß, und bald öffnen sich beeindruckende Fernblicke. Ich komme bis fast 2.300m hinauf und bedaure es, dass das Wetter hier das Zelten nicht erlaubt. Hinter dem Pass dann der Blick in die “Riviera”, wie das Tal des Ticino hier heißt, und nach Bellinzona. Ich habe mich auf der Capanna Brogoldone angemeldet, die auf 1.900m auf einem Sporn liegt, der ein ebenso gutes Panorama bietet. Eine französiche Wandertruppe von 15 Frauen und Männern ruft mir dort in Erinnerung, warum ich keine Hütten mag: Sie besetzen alle Bänke und Liegen mit ihren Sachen, grölen laut lachend durch den Schlafsaal, als ich im kleinen Raum dahinter schon schlafen will, und tragen beim Frühstück alles Essen auf ihre Tische. Als könnten sie sich nichts mehr außerhalb ihrer Gruppe vorstellen. Keiner von ihnen spricht mich an.

Val Calanca, Selma, Funivia Landarenca, Alp di Rossiglion, Passo di Mem, Capanna Brogoldone 1.906m (Hütte) — KM 276,9 = (19,1 km -4km Seilbahn =) 15 km

Tag 20: Jetzt reicht’s mir.

Von der Hütte gehe ich auf direktem Weg drei stille Stunden lang bergab nach Claro, durch einen dunklen, feuchten Bergwald, die Stiefel wie immer in den letzten Tagen durchnässt. Man kommt von oben zu einem Kloster, und danach geht es auf einem historischen Karrenweg hinein in den Ort. Hier wachsen Palmen! Bei einem Supermarkt setze ich mich ins benachbarte Kaffee und lasse mir viel Zeit zum Überlegen. Laut Plan soll es nun auf der anderen Talseite noch einmal hinaufgehen, das steile, enge Valle di Moleno hinauf. Wobei der Normalweg wegen Sturmschäden gesperrt ist und ich einen schlecht markierten, steilen und selten begangenen Pfad auf der anderen Talseite hinaufmüsste. Von 300m Höhe direkt auf 1.800m, wo es ein Rifugio gibt. Der nächste und letzte Tag würde dann über einen Pass auf 2.100m lange stetig bergab führen bis direkt zum Ufer des Lago Maggiore auf wieder nur 200m. Unsicher zahle ich, werfe mir den Rucksack auf die Schultern und stapfe erstmal los, als ein heftiger Platzregen einsetzt. Das ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe! Ich gehe geradewegs zur Bushaltestelle und sitze zwei Minuten später im Bus nach Bellinzona, von dort fahre ich mit der S-Bahn nach Tenero und zum Campingplatz Lido Mappo am Ufer des Lago Maggiore. Während es dort immer noch in Strömen regnet, gönne ich mir im Campingplatzrestaurant einen Eisbecher für 12,50 Franken (WTF!).

Abstieg nach Claro (270m, Einkaufen), Verzicht auf 2 weitere Tage (Valle di Moleno, Capanna Alpe Leis, Bochete di Cazzann, Cima di Sassello, Tenero), direkt mit Bus und Bahn zum Camping Lido Mappo, Tenero, Lago Maggiore. — KM 283,7 = 6,8 km (1.636 hm).

Tag 21 — 23: Entspannter Ausklang

Zwischen all den SUVs, SUPs und Hauszelten der Dauercamper bin ich mit meinem Minizelt der totale Exot. Ich erhole mich, dusche viel, esse leckere Sachen und unternehme, als doch die Sonne noch einmal herauskommt, schöne Ausflüge: Mit der Bahn zur Seilbahn auf den Monte Tamaro, auf dem eine moderne Kapelle von Mario Botta steht, dann in 4–5 Stunden zum Monte Lema — ein berühmter Höhenweg im Tessin mit tollem Panorama, links vom Grat liegt in der Ferne der Luganer See, rechts vom Grat der Lago Maggiore. Ich bummle durch Locarno und spaziere den Kreuzweg zur Wallfahrtskirche Madonna del Sasso hinauf. Und ich besichtige den Monte Veritá, eine berühmte Aussteiger-, Philosophen- und Künstlerkolonie in Ascona, dem Nachbardorf von Locarno. Am Samstag dann noch die drei Burgen von Bellinzona, und am Nachmittag besteige ich dann den Zug nach Zürich, wo der Nachtzug nach Hamburg auf mich wartet.

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