USA: Sierra High Route (SHR)

320 km weglos durch die Sierra Nevada (10/10)

Mein Maßstab für Wander-Fernweh, aber außer Konkurrenz: Auf der Sierra High Route kämpft man sich ohne Wege und andere Hilfen der Zivilisation durch die bezaubernde Wildnis der felsigen Sierra Nevada. Keine Pfade, keine Markierungen, keine Verpflegung — keine Menschen. Dafür Bären, steile Pässe, Geröllfelder und ein grenzenlos weiter Himmel.

Charakter

Wem der PCT von Mexiko nach Kanada mit 6 Monaten Wanderzeit zu weit ist und der stattdessen stark frequentierte John-Muir-Trail vom Yosemite-Nationalpark bis zum Mount Whitney zu bevölkert, der stößt vielleicht auf die Sierra High Route. Die Route (kein “Weg”) verläuft auf weiter Strecke parallel zum JMT, aber stets abseits bekannter Wege durch die Wildnis über die höchsten Pässe und abgelegensten Täler, fast immer oberhalb der Baumgrenze. Sehr herausfordernd und schwer zu gehen, wird er oft nur streckenweise begangen, über Thru-Hikes findet man fast nichts im Netz. Vielleicht mit Absicht: Wer dort geht, redet nicht drüber, um nicht allzuviel Leute in die Wildnis zu locken. Sogar Wegzeichen wie Steinmännchen sollen zerstört werden, damit sich keine Pfade herausbilden. Der “Erfinder” der Route, Steve Roper, hat 1997 ein Buch darüber veröffentlicht, in dem er nur eine grobe Route beschreibt, das war’s weitgehend.

Hindernisse

Auch für die SHR braucht man, wie für alle Outdoor-Aktivitäten in der Sierra, ein Permit, die zu einem Stichtag im Winter vergeben werden. Wegen der Bären müssen alle Lebensmittel in schwere und sperrige Kanister verpackt und dann über Nacht weit vom Zelt entfernt abgestellt werden. Da man für die 2–4 Wochen lange Route nicht alle Lebensmittel mittragen kann, muss man sich aufwendig Nachschub organisieren oder mehrere Tage lange Abstecher zu einer Ranch einplanen. Und auch die Reise zum Start- und Endpunkt muss gut geplant werden, da öffentlicher Verkehr hier Mangelware ist.

Nur ein Traum

Das größte Hindernis ist natürlich die Anreise: Um die halbe Welt fliegen, nur um dann in einem Gebirge zu wandern, das viele Amerikaner an die Alpen oder an Norwegen erinnert? Kommt nicht in Frage. Also bin ich zufrieden damit, mir die SHR vorzustellen und drüber zu lesen. In diese Übersicht ist sie nur außer Konkurrenz geraten, denn ich will mich ja eigentlich auf Europa beschränken.

Vor zwei oder drei Jahren habe ich mir das Buch von Roper bestellt. Er beschreibt dort den Verlauf der Route im Text, aber bildet sie nicht auf den beigefügten topographischen Karten ab. Also habe ich in nächtelanger Fleißarbeit die Route auf der Karte eingezeichnet und mir dabei vorgestellt, wie es wäre, dort zu wandern. Wenn das nicht den Top-Wert beim Fernweh verdient, was dann?

Fernweh-Faktor 10/10

10 Gerade wenn man weiß, dass man nie hinkommen wird, quält einen das Fernweh besonders. Aber ich halte das aus und vergebe die volle Punktzahl an die SHR. Und Ihr fahrt bitte auch nicht hin, damit dort alles so wild bleibt, wie es ist. Und das Klima geschont wird.

Infos

  • Steve Roper: Sierra High Route — Traversing Timberline Country. Seattle 2019, 7. Auflage 2014.
  • The Hardest Hike In America? We Backpack The Sierra High Route:

Das Projekt

Eine Übersicht über alle meine “Fernweh-Fernwanderwege” gibt’s hier.

Täglich 1,5 Stunden im ÖPNV - Berichte aus dem Leben im Waggon

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